ONE YEAR AGO TODAY: was sich in einem Jahr alles verändern kann

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Heute vor einem Jahr. Der 22.06.2018 – das war der Tag, an dem ich die Schule abgeschlossen habe. Ich weiß noch genau wie ich mit meiner Schwester vor dem Spiegel stand und sie mir die Haare geglättet hat. Wie wir als Familie erst zur Kirche und dann zur Schule gefahren sind. Wie ich gemeinsam mit meinen Mitschülern in der Aula saß und auf den Moment gewartet habe, der 12 Jahre Schule abschließen sollte. Wie ich voller Stolz mein Abiturzeugnis und meine gesamte Zukunft in den Händen hielt. Und wie ich einen Ballon in den Himmel steigen ließ und mit ihm all meine Wünsche für das nächste und alle anderen Jahre. Heute ist der 22.06.2019. Ein Jahr ist vergangen. Ein Jahr, in dem sich nichts und irgendwie doch alles verändert hat. Aber lest selbst.

Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich insgeheim immer Angst vor dem Tag nach der Zeugnisverleihung. Auch wenn man vorher natürlich auch nicht mehr wirklich zur Schule gegangen ist, man war immer noch Schüler. Von dem Moment an, in dem ich mein Zeugnis in den Händen hielt, war ich kein Schüler mehr. Aber Student war ich auch nicht. Einen ganzen Sommer lang war ich rein gar nichts. Ich war einfach ein 18-jähriger Mensch, der genau zwischen zwei großen Kapiteln seines Lebens stand. Ich will nicht sagen, dass die Schule die Jugend beendet, das tut sie ganz sicher nicht, aber sie beendet die Kindheit. Noch mehr sogar als der 18. Geburtstag. Jedenfalls war das bei mir irgendwie so.

Da mir immer klar war, dass ich studieren möchte und nachdem ich ein Au-Pair-Jahr irgendwann von meiner Bucket List gestrichen hatte, lag auf der Hand, dass ich im Wintersemester 2018/19 mein Studium beginnen werde. Dazwischen lag der Sommer. DER Sommer. Der Sommer, über den Filme gedreht werden. Ein letztes Mal das Leben so genießen, wie man es kennt. Mit den Leuten, die man kennt. In Filmen erleben die Protagonisten dann immer die größten Abenteuer ihres Lebens. Sie verlieben sich Hals über Kopf, erfüllen die Hälfte aller Punkte auf ihrer Bucket List, hinterfragen sich und ihre Entscheidungen. Jeden Tag scheint die Sonne und wenn sie einmal alt und grau sind, kramen sie ihr Fotoalbum heraus und berichten ihren Enkelkindern vom besten Sommer ihres Lebens. Vermutlich hat jeder Abiturient ähnliche Erwartungen an jenen Sommer nach dem Abschluss. Ich auch. Aber mit Erwartungen ist es nun einmal so: sie werden nicht immer erfüllt. Ich will nicht sagen, dass der Sommer 2018 schlecht war, das war er sicher nicht, aber er war nicht so, wie ich ihn mir erhofft hatte. Ich war in London, meiner allerliebsten Stadt auf dieser Erde. Und in Dänemark, Teil meines geliebten Skandinaviens. Das Wetter war toll. An den vier Tagen in London ging es mir unglaublich gut. Alles war so, wie ich es mir erträumt hatte. Die Sonne hat jeden Tag geschienen, wir sind durch Notting Hill geschlendert und haben bei Peggy Porschen Cupcakes gegessen. Wir haben gelacht und hatten eine gute Zeit. An die ich mich immer wieder mit einem Lächeln im Gesicht zurück erinnere. Ich dachte, jeder Tag diesen Sommer könnte so sein. Oder so wie der morgen nach dem Abiball, als wir in kleinen Grüppchen, mit müden Beinen aber voller Leben in den Augen vom Stadion nach Hause liefen. Die ganze Zukunft, unser ganzes Leben noch vor uns. An diesem Morgen dachte ich nicht, dass ich einige meiner angeblichen Freunde zum letzten Mal sehen würde. Aber so war es.

Man sieht sich manchmal zufällig. Auf irgendeiner Party. Oder in der Stadt. Einfach so. Dann lächelt man sich an und tut im besten Fall so, als sei alles wie damals. Als würde man sich immer noch so nahe stehen. Immer noch genau wissen, was den anderen bewegt. Was ihn berührt. Man sagt sich „Wir müssen unbedingt mal wieder was unternehmen!“ und für einen Moment will man das auch wirklich. Dabei weiß man ganz genau, dass man das eigentlich einfach nur so sagt und man trifft sich doch nicht. Aber für den einen Moment ist das okay. Im schlechtesten Fall jedoch wird einem bewusst, dass man sich nicht mehr so nahe steht. Man weiß genau, dass das, was einst wahre Freundschaft war, nur noch ein Schatten der Vergangenheit ist und zum abgeschlossenen Kapitel Schule gehört.

In jenem Sommer, der nicht so war, wie erhofft, habe ich viel über Freundschaft gelernt. Manche Freundschaften gehören nur zu einem bestimmten Kapitel deines Lebens. Ich habe früher nie verstanden, warum es so Begriffe wie ‚Schulfreunde‘ gibt, aber vermutlich versteht man die Bedeutung erst, wenn man nicht mehr zur Schule geht. Ich habe sie, die ‚Schulfreunde‘. Leute, die während der Schulzeit wirklich gute Freunde waren. Mit denen ich viel Spaß hatte und die dafür gesorgt haben, dass ich jeden Morgen gerne zur Schule gegangen bin. Nur jetzt, da die Schulzeit vorbei ist, hat sich nun einmal herausgestellt, dass sie nicht mehr sind, als Schulfreunde. Sie sind vielleicht wirklich nicht die Freunde fürs Leben gewesen. Aber das ist nicht schlimm. Denn ich denke, ich habe sie jetzt gefunden. Vielleicht denke ich irgendwann einmal anders darüber, aber irgendwie fühlt sich die Freundschaft zu meinen besten Freundinnen anders an, als vorige Freundschaften. Ich kenne sie tatsächlich noch aus der Schule. Aber mit einer von ihnen hatte ich nie viel zu tun. Obwohl wir uns seit der fünften Klasse kennen. Unsere Freundschaft hat sich erst im letzten Jahr entwickelt, aber ich möchte sie nicht mehr missen. Wenn ich aufzähle, wofür ich dankbar bin, wer die wichtigsten Menschen in meinem Leben sind, dann nenne ich die beiden in einem Atemzug mit meinen Eltern und meiner Schwester. Sie verstehen mich, kennen mich. Ticken genauso wie ich. Denken das gleiche. Ohne sie wär ich vielleicht nicht die, die ich bin.

Und dann sind da noch die ganzen wunderbaren Menschen, die ich an der Uni kennengelernt habe. Sicher, auch da sind welche dabei, die man nur für ein Semester kennt, aber, andere wiederum sind mehr als nur „Freunde auf Zeit“. Was ich das letzte Jahr aber auch gelernt habe, ist, dass man für Freundschaften kämpfen muss. Dass es Immer auch um Eigeninitiative geht. Es ist Arbeit, aber es lohnt sich. Denn letztlich sind es unsere Freundschaften, die uns ausmachen und unser Leben zu einem besseren gestalten.

Im letzten Jahr habe ich außerdem gelernt, dass man das Leben nicht planen kann. Dass es einfach passiert. Und dass man spontan die besten Dinge erlebt. Früher habe ich viel Zeit damit verbracht, den perfekten Tag, den perfekten Sommer zu planen. Ich bin immer noch eine Träumerin, aber ich lebe jetzt mehr im Hier und Jetzt. Generell habe ich das Gefühl, mehr zu leben. Die letzten Monate haben sich lebendiger angefühlt als so manche Tage im letzten Sommer. In denen ich in meinem Zimmer saß und vom Sommer geträumt habe, während er neben mir stattgefunden hat. Ohne, dass ich ihn wirklich bemerkt habe. Ich war so viel unterwegs. In Clubs, fremden Städten und wiederentdeckten Plätzen. Ich habe mich mit neuen und alten Freunden getroffen. Ich habe Dinge riskiert. Ich habe gelebt. Ich war glücklich. Und vielleicht sollte ich das alles jetzt noch einmal in Gegenwartsform schreiben, denn ich mache es ja immer noch: Ich bin viel unterwegs. In Clubs, fremden Städten und wiederentdeckten Plätzen. Ich treffe mich mit neuen und mit alten Freunden. Ich riskiere auch mal was. Ich lebe. Ich bin glücklich.

Vielleicht waren letztes Jahr auch einfach nicht genügend Chancen für alles da, aber vielleicht habe ich auch nicht jede genutzt, die sich geboten hat. Ich habe mir jeden Sommer auf ein Neues versprochen, mutiger zu sein. Etwas zu riskieren. Mehr Chancen zu ergreifen. Aber wirklich umgesetzt habe ich sie nicht. Ich musste wohl erst einmal ins kalte Wasser geworfen werden, um zu verstehen, dass ich so nicht weiter machen kann. Das kalte Wasser waren die Uni und Freunde, die mich motivieren konnten, auch mal spontan etwas zu unternehmen. Warum die Uni? Weil sie die Selbstständigkeit ihrer Studenten fördert. Man ist auf sich alleine gestellt. Man muss aus sich herauskommen. Man muss sich etwas trauen. Und das habe ich.

Anfangs fand ich die Uni beängstigend. Habe mich gefühlt wie damals in der fünften Klasse. Als mir die aus der Oberstufe so erwachsen vorkamen und ich mir wie ein Baby. Als mich eine aus einer höheren Klasse an meinem ersten Schultag als „Oh, sind die süß! Die neuen Fünfer“ bezeichnet hat und ich mir dachte „Ich bin doch nicht mehr süß! Ich gehe schließlich schon aufs Gymnasium“, dabei war ich doch erst zehn und noch mehr ein Kind, als ich dachte. Was aber auch gut war. Jedenfalls habe ich mich in den ersten Wochen der Uni wieder so gefühlt. So klein und zerbrechlich. Auf meinem Gymnasium waren über 2000 Schüler angemeldet, das kam mir damals schon groß vor. Die Universität zu Köln verzeichnet aktuell fast 49.000 eingeschriebene Studierende. Das ist viel! Aber man gewöhnt sich dran. Während ich in den ersten Wochen unbedingt wieder zurück zur Schule wollte, ganz neidisch an den Lippen meiner Schwester hing, als diese von der Schule berichtete, vermisse ich sie heute nur noch selten. Es ist ja auch nicht so, als würde ich niemals wieder dorthin zurück kehren. Als künftige Lehrerin werde ich wohl noch so einiges an Zeit an Schulen verbringen müssen. Oder dürfen. Ich bin angekommen an der Uni. Ungefähr nach einem drittel meines ersten Wintersemesters. Und jetzt gehe ich sogar gerne hin. Ich mag die Freiheiten, die das studieren mit sich bringt. Die Tatsache, dass ich mich jeden Tag mit Themen beschäftigen darf, die mich wirklich interessieren. Okay, vielleicht interessiert mich nicht alles gleich stark, aber selbst den langweiligsten Themenaspekt meines Studiums würde ich niemals gegen Mathe und Co. eintauschen wollen.

Ich will nicht sagen, dass mich das vergangene Jahr zu einem anderen Menschen gemacht hat. Ich bin immer noch das Mädchen mit Träumen so groß, dass sie ihm manchmal selbst Angst machen. Das Mädchen, dass stundenlang schreiben kann, um endlich einmal einen Roman zu veröffentlichen. Das Mädchen, dass schon genau weiß, wie es einmal seine Kinder nennen wird. Das Mädchen, dass unbedingt einmal nach New York möchte. Das Mädchen bin ich immer noch. Aber ich bin auch eine bessere Version von mir. Ich bin mutiger, entspannter, spontaner, lebendiger. Ich nutze Chancen, wenn sie sich mir bieten. Ich komme aus meiner Haut raus und sage meine Meinung. Okay, das habe ich eigentlich immer schon gemacht. Ich stolpere vielleicht manchmal, und falle sogar hin, aber ich stehe jedes Mal wieder auf. Stärker als vorher. Besser als vorher.

Ich bin dankbar für das letzte Jahr. Für all‘ die Erfahrungen, die ich machen durfte. Auch für den Sommer, der vielleicht nicht so war, wie erhofft. Wenn ich die Chance hätte, bei der Zeugnisverleihung für einen Moment die Zeit anzuhalten und meinem jüngeren Ich etwas zuzuflüstern, dann würde ich ihm sagen, alles aufzusaugen. Jeden Moment. Denn das ist das, was ich jetzt auch tue. Jeden. Moment. genießen.

xoxo Ruth

9 Kommentare zu „ONE YEAR AGO TODAY: was sich in einem Jahr alles verändern kann

  1. Wow dieser Text ist so wunderschön geschrieben! Ich habe so wie du ebenfalls im letzten Jahr mein Abitur gemacht und ich hab mich grade so verstanden gefühlt wirklich wow. 🙏🏻💚Vielleicht bin ich auch ein kleines bisschen emotional geworden (vermutlich eher ein großes bisschen) als mir klar wurde, wie schnell die Zeit einfach vergangen ist. An was für einer Schulform möchtest du später unterrichten ?

    Liebe Grüße
    Carla

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    1. Liebe Carla,
      es freut mich sehr, dass dir der Beitrag so gefällt und du dich so gut damit identifizieren konntest. Genau das sollte der Beitrag ja auch irgendwie bezwecken <3. Die Zeit rast echt! Die Hälfte von 2019 ist einfach schon um.
      Ich studiere auf Gymnasial- bzw. Gesamtschullehramt :)
      Liebe Grüße
      Ruth

      Gefällt 1 Person

  2. So ein schöner Beitrag Ruth! Genau das Jahr was du beschriebst, werde ich jetzt erleben und ich bin so gespannt, was es mit sich bringt. Bei mir wird es nochmal anders als bei dir, weil ich ein Auslandsjahr mache, aber ich werde trotzdem versuchen, jeden Moment zu genießen :)
    xx anna

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  3. Es hat wirklich Spaß gemacht, diesen Beitrag zu lesen und er hat mir ein bisschen Mut gemacht, weniger Angst vor Veränderungen zu näher. (Macht der Satz Sinn?)
    Auf jeden Fall werde ich die letzten zwei Jahre Schule, die ich noch vor mir habe noch genießen (soweit man Schule genießen kann) und schauen, was die Zukunft bringt.
    Wann war der Zeitpunkt, an dem du wusstest, was du mal machen willst? Ich weiß das nämlich noch nicht…
    Liebe Grüße, lilaboxx 💕

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    1. Es freut mich unglaublich, dass dir der Beitrag so gut gefällt! Und dass ich dir Mut machen konnte <3
      Ich wusste eigentlich immer, was ich machen wollte, aber für mein jetziges Lehramtsstudium habe ich mich mehr oder weniger intuitiv entschieden. Ich wusste auf einmal, dass das das ist, was ich machen möchte. Lehrerin sein. Ich war davor aber auch auf vielen Messen/Open Campus Tagen und habe mich über verschiedene Dinge, die mich interessieren informiert.
      Liebe Grüße
      Ruth

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  4. WOW! Können wir bitte darüber reden, wie gut dieser Beitrag geschrieben ist? Es ist, als würdest du genau das niederschreiben, was mit durch den Kopf ging und geht 😄😌 Der Sommer ist für mich aber jedes Jahr aufs Neue ein Neustart! Vielleicht weil man viel mehr Zeit hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen und was zu verändern, vielleicht aber auch, weil ich ein Sommerkind bin und im Sommer so viel Energie habe wie in all den restlichen Jahreszeiten zusammen! Dieser Sommer wird für mich wieder einiges an Gedanken und Veränderungen bringen, da bin ich mir sicher! Ich freue mich drauf, etwas auszuprobieren, zu riskieren, und zu schaffen!❤

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