Rezension: Nicht weg und nicht da von Anne Freytag

Rezension: Nicht weg und nicht da von Anne Freytag

Auf Instagram durftet ihr wählen, welches Buch ich nach „Faye. Herz aus Licht und Lava“ lesen soll und ihr habt ganz eindeutig für „Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag gestimmt! Ich wollte schon länger etwas von der Autorin lesen und war daher auch ganz froh, dass ihr für dieses Buch gestimmt habt. Mittlerweile habe ich es ausgelesen und möchte nun meine Rezension zu „Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag mit euch teilen. Viel Spaß beim lesen!

Infos zum Buch

Autor: Anne Freytag I Titel: Nicht weg und nicht da I Verlag: Heyne I Seiten: 476 I Erscheinungsdatum Deutschland: 2018 I Preis: 16€ (Hardcover) I ISBN: 978-3-453-27159-3 I Zum Buch

Darum geht es:

Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher. Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Vorher war sie ein unscheinbares Mädchen, jetzt ist sie allein. Sie rasiert sich die Haare ab und errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig von ihr ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist still und misstrauisch – und fasziniert von ihr. Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester-, macht sie einen Schritt auf Jacob zu. Und so entsteht ganz langsam und zart zwischen Abschied und Loslassen etwas vollkommen Neues. (Klappentext)

„Ich halte immer noch den Langhaarrasierer in der Hand. Er vibriert monoton durch meinen Körper. Dunkelbraune Haarbüschel liegen wie kleine Vogelnester im Waschbecken. Wie ein Überbleibsel von einer Person, die ich nicht mehr bin. Als hätte ich von meinem alten Ich nur drei Millimeter übrig gelassen. Ich schaue in den Spiegel, direkt in meine Augen und sehe die meines Bruders. Ich habe nie kapiert, wie ähnlich Kristopher und ich uns sehen. Bis jetzt. Bis zu diesem Moment. Mein Kopf ist nackt und mein Blick skeptisch. So wie seiner. Nur in Tintenschwarz. Ich schalte den Rasierer aus und lege ihn auf die Ablage. Direkt neben das verkalkte Glas, in dem jetzt nur noch eine Zahnbürste steht.
Durch den menschlichen Körper fließen im Durchschnitt fünf bis sechs Liter Blut.
Ausgesehen hat es nach mehr.“

– Anne Freytag, Nicht weg und nicht da

Handlung & Thematik

Während manche Leser einen möglichst großen Bogen um sämtliche Bücher mit ernsteren/sensiblen Themen machen, ziehen sie mich förmlich magisch an. Ich nehme gerne etwas mit. Lerne gerne. Ein gutes Buch soll mich meistens mehr als einfach nur unterhalten. Ich möchte gerne etwas lernen. So ist es bei „Nicht weg und nicht da“.

Der Roman thematisiert Selbstmord. Nicht unbedingt ein leichtes Thema. Er tut es anders als Jay Ashers „Tote Mädchen lügen nicht“, das eher anklagend war. Dort wurde die Geschichte eines Mädchens erzählt, die durch Mobbing in den Selbstmord getrieben wurde. Bei „Nicht weg und nicht da“ ist das ander. Kristopher litt unter einen psychischen Krankheit. Er gibt niemandem die Schuld an seinem Tod. Ich bin bei Selbstmorden immer hin und her gerissen zwischen Mitleid und Unverständnis. Auf der einen Seite verstehe ich nicht, wie man das Geschenk des Lebens wegwerfen kann, andererseits empfinde ich auch tiefes Mitleid mit Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen. Die so leiden, dass sie sich schließlich dazu entscheiden, ihr Leben zu beenden. Ich finde das Thema schwierig, aber in „Nicht weg und nicht da“ wurde meiner Meinung nach gut damit umgegangen.

Es geht auch gar nicht so sehr um den Selbstmord als solchen, Kristopher fungiert auch eher als eine Nebenfigur, sondern viel mehr darum, wie Hinterbliebene damit umgehen und wieder glücklich werden können. Man nähert sich sehr vorsichtig dem Thema, lässt alle Gefühle der Figuren zu. Unverständnis, Trauer, Verzweiflung. Luises Familie wurde auseinandergerissen, der Selbstmord ihres Bruders hat auch das Verhältnis zur Mutter geschwächt. Der Leser begleitet die Figuren also bei ihrer Reise aus dem Schmerz. Auch wenn das bedeutet, dass sie ihn erst zulassen müssen.

Es passiert nicht viel in „Nicht weg und nicht da“. Ganze Kapitel werden nur den inneren Monologen der Figuren gewidmet, was aber überhaupt nicht stört. Es hilft einfach dabei, die Geschichte besser zu verstehen. Die E-Mails, die Kristopher Luise schreibt, sind ein gelungener Einschnitt in den Erzählfluss. Luise bekommt Aufgaben von ihrem toten Bruder. Aufgaben, die ihr dabei helfen sollen, seinen Tod zu verkraften und zu verstehen. Außerdem ermöglichen die Mails den Einblick in das Innenleben einer toten Figur, die dadurch die Möglichkeit bekommt, sich zu erklären.

Figuren

Luise ist die weibliche Protagonistin. Sie wird zu Beginn der Handlung 16 Jahre alt und hat sich nach dem Tod ihres Bruders von ihrem alten Ich verabschiedet. Gleichzeitig ist sie aber auch in eine tiefe Identitätskrise gerutscht. Sie weiß nicht mehr, wer sie ohne ihren Bruder ist, denn er war schließlich immer da. Sie mag es nicht, dass die Leute in ihr immer das Mädchen mit dem Bruder sehen, der sich umgebracht hat. Am Anfang ist Luise sehr unsicher, entwickelt sich aber Stück für Stück. Im Grunde ist sie ganz anders als ich, reagiert und handelt anders als ich es tun würde. Oder wie ich denke, wie ich Dinge tun würde. Ich kann mir vorstellen, dass ich nicht die einzige bin, die sich erst einmal eher weniger mit ihr identifizieren kann.

Aber das ist kein Problem. Denn man schafft es trotzdem, sie zu verstehen und ihre Entscheidungen nachzuvollziehen. Luise ist mehr als nur der Schatten einer Person, sie ist eine Person. Sie wirkt irgendwie so real.

Männlicher Gegenpart zu Luise ist Jacob. Er ist ein bisschen älter als Luise, kennt sie flüchtig aus der Schule. Er vertritt die typische „geheimnisvoller, ruhiger Mann“-Rolle, die es in vielen Romanen gibt. Aber das stört nicht. Jacob ist eine klischeebehaftete Figur, die aber gar nicht so wirkt. Er wird schnell zu Luises Anker und hilft ihr dadurch, sich selbst zu retten. Außerdem mochte ich Jacobs ruhige und kontrollierte Art zu erzählen. Ich habe seine Parts der Geschichte fast lieber gelesen als die von Luise.

Ansonsten gibt es einige Randfiguren, manche davon mit mehr, andere mit weniger Bedeutung. Jacobs Bruder Arthur ist beispielsweise eine Figur, die die Handlung immer mal wieder auflockert. Wenn es zu melodramatisch wird, kommt er daher und sagt etwas, das die Figuren zum Lachen bringt und sie wieder ausgleicht. Luises Mutter ist auch eine interessante Figur. Anfänglich kann man sie nicht verstehen, ist gemeinsam mit Luise sauer auf sie, doch dann wird ihr immer mehr Stimme gegeben und Luise und der Leser begreifen gemeinsam, warum sie so gehandelt hat, wie sie gehandelt hat.

Schreibstil

Anne Freytags Schreibstil erinnert mich stark an den von John Green. Er ist eher poetisch und metaphorisch, als klar und eindeutig. Im Grunde leicht zu verstehen, aber immer mal wieder mit sprachlichen Raffinessen ausgestattet. Ein Satz hat mich besonders berührt, daher möchte ich ihn gerne mit euch teilen:

„Denk immer an die Person, die du warst, bevor die Welt dir beigebracht hat, wer du sein solltest. Denn du bist wunderbar, wie du bist.“

-Nicht weg und nicht da, Seite 56

Fazit

„Nicht weg und nicht da“ ist ein wundervolles Buch. Es ist traurig und hat mich das ein oder andere Mal zu Tränen gerührt, aber dennoch wundervoll. Es verletzt und es heilt. Mittlerweile ist es schon knapp 2 Wochen her, dass ich das Buch beendet habe, aber ich denke immer noch darüber nach. Mir hat einfach alles gut gefallen: die Geschichte, der Schreibstil, die Figuren und natürlich das wunderschöne Cover. Generell ist das ganze Buch an sich so liebevoll und detailreich gestaltet, dass man es einfach lieben muss. Ich empfehle „Nicht weg und nicht da“ jedem, der gerne auch mal über ernstere Themen liest und den Schreibstil von John Green mag. Es gehört für mich definitiv zur Kategorie „Lieblingsbuch“ (mehr über mein Bewertungssystem erfahrt ihr hier)

Habt ihr „Nicht weg und nicht da“ schon gelesen?

xoxo Ruth

Rezension zu Nicht weg und nicht da von Anne Freytag



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