REZENSION: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara (SPOILER!)

REZENSION: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara (SPOILER!)

Nachdem die Lektüre des Romans ziemlich genau einen Monat gedauert hat, bin ich nun endlich hier und kann die Rezension zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara schreiben. Und doch wird es keine normale Rezension sein, denn ich habe mich dazu entschlossen, dieses Mal zu Spoilern. In „Ein wenig Leben“ passiert so viel und ich möchte einfach unglaublich gerne richtig darüber reden. Anders geht es dieses Mal leider nicht – ich hoffe, das ist okay für euch. Also, let’s go!

Infos zum Buch:

Titel: Ein wenig Leben I Autorin: Hanya Yanagihara I Verlag: Hanser I Genre: Belletristik/Gegenwartsroman I Erscheinungsdatum 30.01.2017 I 961 Seiten I Preis: 28€ (Hardcover) I ISBN: 978-3-446-25471-8 I Zum Buch

Darum geht’s:

„Ein wenig Leben“ handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten (Klappentext)

„Die elfte Wohnung hatte nur einen einzigen Schrank, aber es gab eine gläserne Schiebetür, die auf einen kleinen Balkon führte, von dem aus er einen Mann im Haus gegenüber sehen konnte, der nur mit T-Shirt und kurzen Hosen bekleidet im Freien saß und eine Zigarette rauchte, obwohl es schon Oktober war.“

Yanagihara, Hanya: Ein wenig Leben. Berlin: Hanser 2016, S. 11.

Handlung:

Die Handlung des Romans „Ein wenig Leben“ erstreckt sich über einen sehr langen Zeitraum, dessen genaue Dauer man als Leser*in nicht erfährt. Zu Beginn sind die Figuren Mitte zwanzig und werden dann bis in ihre 50er hinein begleitet. Dabei gibt es immer wieder Rückblenden und Erinnerungen, die teilweise die Kindheit oder auch die Studienzeit der Protagonisten beleuchten. Durch diesen gewaltig langen Zeitraum, die man die Figuren begleitet, lassen sich Veränderungen in ihrem Leben, egal welchen Lebensbereich betreffend, gut nachvollziehen. Auch das Beziehungsgeflecht zwischen den vier Freunden kann so über einen sehr langen Zeitraum sehr ausführlich und genau beschrieben werden. Ausführliche und genaue Beschreibungen, die nicht selten ein wenig repetitiv wirken, gibt es in „Ein wenig Leben“ generell sehr viele. Kleinigkeiten, Erinnerungen, Momente werden teils sehr ausschweifend erzählt. Das mochte ich gerade zu Beginn der Geschichte sehr gerne, irgendwann fand ich es jedoch, ehrlich gestanden, ein wenig nervig. So sind leider deutliche Längen entstanden und gut 200 Seiten weniger hätten der Geschichte definitiv nicht geschadet. Aber nun gut, es sind nur einmal 961 Seiten und nicht 761.

Den Plot grundsätzlich zu beschreiben, ist gar nicht so einfach, da es gar keinen „klassischen“ Plot gibt. Es gibt keinen Aufhänger, kein genaues Ziel. Es ist hier viel mehr so, als würde man zufällig mitten in das Leben von vier besten Freunden hereinrutschen und dieses dann beobachten. Man begleitet sie also durch die verschiedenen Stadien ihres Lebens. „Ein wenig Leben“ ist somit irgendwie eine Beschreibung des Lebens, eine Geschichte des Lebens mit all seinen Facetten.

Was mir unglaublich gut gefallen hat, ist das Setting in New York. Die Stadt strahlt eine unglaubliche Präsenz in diesem Buch aus und ich habe es geliebt, gemeinsam mit den Figuren die vielen vielen Straßen von New York entlangzulaufen.

Die große Stärke von „Ein wenig Leben“ ist die emotionale Wirkung, die der Roman auf den*die Leser*in hat. Es werden sehr viele, sehr unterschiedliche Emotionen transportiert: Freude und Begeisterung, Schock und Fassungslosigkeit, Wut und Hass, Trauer und Verzweiflung – alles Gefühle, die das Leben ausmachen und um die man nicht herum kommt, wenn man leben möchte. Natürlich ist „Ein wenig Leben“ nicht das erste Buch, das diese Emotionen zu vermitteln versucht, aber so eindinglich, wie es hier passiert, habe ich das noch nie gelesen.

Was man definitiv wissen sollte, und hiermit bewegen wir uns in den Teil der Rezension, in dem ich ohne Spoiler nicht mehr auskomme, bevor man den Roman liest, ist die Tatsache, dass mehrere Traumata beschrieben und behandelt werden. Eine korrekte Triggerwarnung würde vermutlich folgendes beinhalten: Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, schwere häusliche Gewalt, Zwangsprostitution, Verstümmelung, Selbstverletzung, Suizid. Alles keine leichten Themen. Schon ein Buch, das sich nur mit einem dieser vielen Punkte auseinandersetzen würde, wäre vermutlich schon eine emotionale Herausforderung, aber direkt alle diese Punkte ergibt etwas, auf das man sich einlassen muss und das man nicht einfach so über sich ergehen lassen kann. Ich habe schon vorher Bücher gelesen, in denen es um Vergewaltigung, um häusliche Gewalt, um Suizid ging, aber so eindringlich, so herzzerreißend und so berührend hat diese Themen noch kein anderes Buch behandelt. Es gibt teilweise sehr explizite Beschreibungen, des Zustandekommen der einzelnen Traumata, die mich sowohl mit Ekel, als auch mit Wut, Abscheu und Trauer erfüllt haben. Letztlich frage ich mich zwar, ob man sich nicht auch auf zwei Traumata hätte beschränken können, weil all diese Dinge einer Person zustoßen und nicht auf mehrere verteilt, aber so ist es nun einmal nicht.

Gefehlt hat mir leider jegliche historische Kontextualisierung. Es ist, als würden die Figuren in einer Zeit leben, die losgekoppelt ist von der „echten“ Zeit – es gibt keine historischen Kontextualisierungen und würde nicht ständig von Geburtstagen die Rede sein, bei denen man merkt, dass die Zeit voranschreitet, würde man denken, alles würde sich innerhalb weniger Monate abspielen. Natürlich brauche ich keine exakte Beschreibung dessen, was in der Welt passiert, aber die Figuren leben in New York, über einen Zeitraum von ca. 25 Jahren – Ereignisse wie 9/11 müssen also währenddessen passiert sein und das kann nicht spurlos an den Figuren vorbeigegangen sein.

Figuren:

Auch wenn der Klappentext ein bisschen den Eindruck vermittelt, alle vier der Freunde würden gleichermaßen viel Raum in der Geschichte einnehmen, so ist dem definitiv nicht so. Zentral ist Jude, dann Willem, dann JB, dann Malcom. Das fand ich zwischenzeitlich ein bisschen schade, da sowohl JB als auch Malcom ebenfalls sehr viel Potenzial hatten. Stattdessen wird sich hauptsächlich auf Jude fokussiert. Er ist derjenige, der all die Traumata erleben musste und dessen Leben ganz anders verlaufen ist als das der meisten anderen. Jude sind so unglaublich viele schreckliche Dinge passiert und es hat mich wütend und traurig gemacht, dass ihm diese Dinge passieren mussten und was sie mit ihm und seiner Psyche gemacht haben. Es ist einfach so ungeheuerlich, was Menschen anderen Menschen antun können.

Jude wurde seit seiner frühesten Kindheit schwerst misshandelt, später von dem einzigen Menschen, der ihn nicht körperlich verletzt hat, zur Prostitution gezwungen und vergewaltigt. Er ist von der einen traumatischen Situation in die nächste gewandert. Dadurch hat er quasi kein Vertrauen in Menschen, erwartet immer wieder, dass sie ihn hintergehen, ihm Dinge antun. Sein Verhältnis zu Sexualität ist tief gestört, da er nie auch nur die Möglichkeit hatte, Sex selbst und freiwillig zu entdecken und es als etwas zu empfinden, das Spaß macht. Das alles ist so furchtbar traurig, dass ich oft Pausen von der Geschichte machen musste, um sie richtig verarbeiten zu können.

Willem ist Judes engste Vertrauensperson. Die beiden haben eine ganz besondere, ungewöhnliche und einzigartige Freundschaft. Willem ist Schauspieler und entwickelt sich im Laufe der Handlung zu einem echten Star – er gewinnt sogar eine bedeutende Auszeichnung. Ich denke, es handelt sich um einen Oscar, auch wenn dies nicht namentlich erwähnt wird. Jedenfalls mochte ich Willem eigentlich von Anfang an. Er ist eine gute Seele, kümmert sich aufopferungsvoll um die Menschen, die er am meisten liebt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht zu 100% verstehen konnte, warum Willem sich schließlich auch auf romantischer Ebene zu Jude hingezogen fühlt. Jude wird in meinen Augen zu oft lediglich als Opfer dargestellt. Viele der Charaktereigenschaften, die die anderen so an Jude loben, werden durch die Beschreibungen und Handlungen von ihm gar nicht deutlich. Daher war für mich nicht nachvollziehbar, wieso sich aus der tiefen Freundschaft plötzlich Liebe entwickeln muss. Für die Aussage der Geschichte hätte ich es zudem besser gefunden, wenn es wirklich nur um Freundschaft gegangen wäre.

Weitere zentrale Vertrauenspersonen für Jude sind Harold und seine Frau Julia. Harold war ursprünglich einmal Judes Juraprofessor, schnell entwickelte er sich jedoch zu einer Art Vaterfigur für Jude, was schließlich auch zu einer Adoption führt. Harold und Julia sind für mich herzensgute Menschen und gerade Harold, dem mehr Präsenz eingeräumt wird als seiner Frau, konnte ich so richtig ins Herz schließen. Er hat das tragische Ende von Judes Geschichte nicht verdient und mein Mitleid und Mitgefühl für ihn hat einen wesentlichen Beitrag zu meinen Tränen auf den letzten Seiten geleistet.

Ich möchte hier nicht mehr zu dein einzelnen Figuren sagen, aber dennoch noch einmal hervorheben, wie menschlich, verletzlich und echt die einzelnen Charaktere beschrieben werden.

Schreibstil:

Auch wenn ich „Ein wenig Leben“ nicht im englischen Original, sondern in der deutschen Übersetzung gelesen habe, konnte ich auf jeder Seite, eigentlich sogar in jedem Satz merken, dass Hanya Yanagihara eine Autorin ist, die ihr Handwerk hervorragend beherrscht. Ihre Worte machen die Geschichte lebendig, transportieren Freude und Schmerz gleichermaßen ausgezeichnet. Zwar sind einige Sätze lang und verschachtelt, aber dennoch stets gut verständlich. Schlicht: ich mochte den Schreibstil sehr und habe nichts außer Lob für ihn übrig.

Fazit:

Ich habe diese Rezension in mehreren Etappen geschrieben und auch jetzt, einige Tage, nachdem ich „Ein wenig Leben“ beendet habe, fällt es mir schwer, ein endgültiges Fazit zu ziehen oder das Buch richtig (mit Sternen) zu bewerten. Es ist einfach nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. „Ein wenig Leben“ hat mich sehr berührt. Ich habe so viele Emotionen beim Lesen empfunden und die letzten 200 Seiten haben das, was noch von meinem Herzen übrig war, endgültig zerrissen. Es ist wahnsinnig mutig, so eine Geschichte zu schreiben, traumatisiertes Leben auf so eine Art zu thematisieren. Dennoch gab es hier auch unglaublich viele Längen und Momente, die mich gestört haben. Ich würde „Ein wenig Leben“ aber dennoch empfehlen. Es ist ein Buch über das Leben, mit all seinen vielen Facetten.

Habt ihr „Ein wenig Leben“ schon gelesen?

xoxo Ruth

Ein wenig Leben


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