REZENSION: Die Geschichte der Baltimores von Joel Dicker

REZENSION: Die Geschichte der Baltimores von Joel Dicker

Letztes Jahr habe ich „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joel Dicker gelesen und bekanntermaßen sehr geliebt. Ziemlich schnell nach ist dann auch „Die Geschichte der Baltimores“ bei mir eingezogen. In diesem Roman stehen Marcus Goldman, den wir ja schon aus „Harry Quebert“ kennen, und seine Familie im Fokus. Letztlich hat es dann noch über ein Jahr gedauert, bis ich diesen zweiten Teil der ‚Reihe‘ gelesen habe. Jetzt ist es aber soweit und es gibt die Rezension zu „Die Geschichte der Baltimores“ – viel Spaß!

Infos zum Buch:

Titel: Die Geschichte der Baltimores I Autor: Joel Dicker I Verlag: Piper I Genre: Belletristik I 512 Seiten I Ersterscheinungsdatum Deutschland: 01.09.2017 I ISBN: 978-3-492-31079-6 I Zum Buch

Darum geht’s:

Die Goldman aus Montclair sind eine typische Mittelstandsfamilie, sie leben in einem langweiligen Vorort von New Jersey und schicken ihren Sohn Marcus auf eine staatliche Schule. Ganz anders die Goldman aus Baltimore: Man ist wohlhabend und erfolgreich, der Sohn Hillel hochbegabt, der Adoptivsohn Woody ein vielversprechender Sportler. Marcus, Hillel und Woody aber sind beste Freunde, zu dritt sind sie unschlagbar, zu dritt schwärmen sie für das gleiche Mädchen – Alexandra. BIs ihre heile Welt eines Tages für immer zerbricht. Acht Jahre nach der Katastrophe beschließt Marcus, inzwischen längst berühmter Schriftsteller, die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben. Aber die Wahrheit über die Familie hat viele Gesichter (Klappentext).

„Morgen muss mein Cousin Woody ins Gefängnis.“

Dicker, Joel: Die Geschichte der Baltimores. München: Piper Verlag GmbH 2019, S. 5.

Handlung:

Während die Figur des Marcus Goldman in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ nur bedingt im Vordergrund steht, wird hier nun seine Geschichte erzählt. Oder besser: die Geschichte seiner Familie. Joel Dicker entwickelt eine clevere und vielschichtige Familiensaga, die den ein oder anderen schockierenden Moment zu bieten hat. Die Geschichte spinnt sich um die sogenannte ‚Katastrophe‘, wobei auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Zum einen werden die Jahre bis zur Katastrophe und diese selbst beschrieben, zum anderen wird die Zeit nach der Katastrophe beschrieben. Der Marcus der Gegenwart erinnert sich an die Ereignisse, die schließlich zu besagter Katastrophe führten.

Mit jeder Seite wird die Geschichte vielseitiger, die einzelnen Aspekte entblättern sich langsam. Das kann auf den ersten 200 Seiten zu der ein oder anderen Länge führen, aber insgesamt ist der Roman sehr spannend und temporeich. Joel Dicker gelingt es einfach, selbst scheinbar banale Alltagssituationen so zu gestalten, dass sie interessant wirken.

Letztlich muss ich allerdings gestehen, dass ich hinter der Katastrophe ein kleines bisschen mehr erwartet hätte, als sie dann letztlich hergibt. Vielleicht liegt das daran, dass mich der Plottwist in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ absolut kalt erwischt hat und ich mir von „Die Geschichte der Baltimores“ ein ähnliches Spektakel erhofft hätte. Also es nicht so, dass die Auflösung langweilig oder offensichtlich ist, aber sie wurde so enorm angeteasert, dass ich zwar nicht enttäuscht, aber eben auch nicht völlig von den Socken war. An dieser Stelle möchte ich noch kurz anmerken, dass es in meinen Augen nicht nötig ist, „Harry Quebert“ vorher gelesen zu haben, um dieses Buch zu verstehen. Die beiden Teile funktionieren ziemlich unabhängig voneinander, obwohl sie natürlich eigentlich zusammengehören.

Figuren:

Wie bereits erwähnt, steht Marcus diesmal im Zentrum. Seine Figur wird hier sehr genau beleuchtet. Er ist der Erzähler und wir als Leser*innen sind ihm und seinen Empfindungen den Ereignissen gegenüber zu 100% ausgeliefert. Wie sehr die eigene Wahrnehmung einen manchmal täuschen kann und wie unzuverlässig Ich-Erzähler sein können, wird an Marcus ziemlich gut verdeutlicht. So wird im Laufe der Geschichte immer wieder deutlich, dass es sehr viele Momente gab, die Marcus ganz anders wahrgenommen hat, als die anderen Figuren und so verschiebt sich auch das Bild der Leser*innen der jeweiligen Situationen gegenüber. Zu Marcus Charakter lässt sich sagen, dass er im Grunde nicht unsympathisch ist, aber doch immer wieder Dinge tut, die eigentlich nicht nett oder sympathisch sind. So bricht er beispielsweise als einziger den Pakt zwischen ihm und seinen Cousins, ist mitunter sehr eifersüchtig, ich-bezogen sowie seinen Eltern gegenüber unfair und undankbar. Andererseits ist er aber oft auch in seiner eigenen Haut gefangen und beschreibt die Dinge so, wie er sie wahrgenommen hat.

Seine Cousins Woody und Hillel erleben wir fast nur durch Marcus Sicht. Nur an einigen wenigen Stellen werden sie durch die Erzählungen und Erinnerungen anderer Personen beschrieben. Woody ist sportlich, Hillel intelligent. Sie ergänzen sich perfekt und gemeinsam mit Marcus entsteht ein unvergleichliches Dreiergespann. Ihr größer Konfliktpunkt: alle drei lieben dasselbe Mädchen: Alexandra Neville.

Mittlerweile ist sie eine berühmte Sängerin, doch während der Jugend der drei Cousins ist sie deren Nachbarin und alle drei verlieben sich unsterblich und unumstößlich in sie. Ich weiß nicht ganz, ob mir die Gestaltung von Alexandras Charakter gefallen hat. In ihrer Beschreibung merkt man, dass sie von einem Mann beschrieben (nicht geschrieben!) wird. Marcus ist ihr so hoffnungslos verfallen, dass das seine Darstellung von ihr natürlich beeinträchtigt. Letztlich erschließt sich die Liebe der beiden mir aber.

Wie krass der Gegensatz zwischen den Goldmans aus Montclair und denen aus Baltimore tatsächlich ist (oder eben nicht), wird im Verlauf des Romans immer wieder sehr schön deutlich. Zu Beginn hat man das Gefühl, an einem Gefälle zu stehen. Ganz oben sind die Baltimores, die perfekte Familie mit dem tollen Haus und den noch viel tolleren Söhnen, ganz unten stehen die Montclairs, die Marcus, und das ist ganz wichtig zu sagen, als nicht so perfekt wahrnimmt. Hier zeigt sich eine interessante Charakterstudie der beiden Familien.

Schreibstil:

Der Schreibstil war wieder einmal ganz hervorragend. Joel Dicker weiß einfach, wie man eine spannende Geschichte schreibt und erzählt. Eine clevere und präzise Wortwahl treffen hier auf eine geschickt gesponnene Geschichte mit unvorhersehbaren Wendungen. Der Schreibstil saugt die Leser*innen förmlich in die Geschichte und lässt sie bis zum letzten Paukenschlag, bis zum letzten Wort nicht mehr los. Das war wirklich herausragend!

Fazit:

„Die Geschichte der Baltimores“ konnte mich definitiv von sich überzeugen. Es handelt sich um eine intelligent erzählte und unvorhersehbar konstruierte Familiensaga. Die Auflösung fand ich, im Verhältnis zur um sie aufgelösten Spannung, dann aber etwas schwächer. Die gesamte Geschichte und auch die Figuren erleben wir aus der Sicht von Marcus, der sich als unzuverlässiger und definitiv nicht neutraler Erzähler erweist. Gerade am Anfang gibt es die ein oder andere Länge und Marcus hätte ab und zu mal einen Realitätscheck vertragen. Die weibliche Hauptfigur fand ich stellenweise etwas schwer greifbar, wobei man nicht genau sagen kann, ob das an Marcus Beschreibung oder an der Konstruktion der Figur durch den Autor liegt. Ingesamt etwas schwächer als „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, aber dennoch sehr lesenswert!

Bewertung: 4 von 5.

Habt ihr „Die Geschichte der Baltimores“ schon gelesen?

xoxo Ruth

Die Geschichte der Baltimores


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