Warum ich „The Secret History“ von Donna Tartt abgebrochen habe

Ursprünglich sollte dieser Beitrag einmal eine Rezension werden. Aber es ist schwer, eine vollständige Rezension über ein Buch zu schreiben, das man gar nicht beendet habe. Nach langem Überlegen, vielen neuen Versuchen und gefühlt endloser Quälerei habe ich mich jetzt nämlich doch dazu entschlossen, „The Secret History“ (dt. Die geheime Geschichte) von Donna Tartt nicht mehr weiter zu lesen. Und das obwohl ich inzwischen bereits auf Seite 464 von knapp 630 Seiten war. Wieso ich also beschlossen habe, die letzten nicht mal mehr 200 Seiten doch nicht zu lesen, erfahrt ihr heute!

…weil ich nie in die Geschichte gefunden habe

Der erste Grund ist vielleicht direkt der wichtigste und aus ihm heraus resultieren letztlich auch die anderen Gründe für den Abbruch: ich habe nie wirklich in die Geschichte gefunden. Ich habe schon vorher zunächst nicht in Geschichten gefunden, brauchte manchmal 50, manchmal auch 100 Seiten, um anzukommen, aber irgendwann kommt eben doch meistens der Moment, wo einen die Geschichte packt. Bei „The Secret History“ ist das auch nach mehr als 400 Seiten nicht passiert. Ich konnte einfach keinen Zugang entwickeln.

…weil ich die Figuren furchtbar finde

Ich kann der Handlung immer viel verzeihen, wenn ich die Figuren mag. Leider finde ich sämtliche Figuren in „The Secret History“ absolut grauenvoll. Angefangen mit Richard, dem Erzähler. Boah, hat der mich aufgeregt. Im Gegensatz zu den anderen Figuren scheint sein moralischer Kompass ihn zwar immerhin ab und zu anzustoßen und zu sagen „hey, das war gerade nicht richtig“, aber er ist einfach zu feige, etwas zu sagen und lässt sich stattdessen von Henry einlullen. Wo wir direkt bei Henry sind: was ein furchtbarer Mensch, Hilfe. Dann gibt es diese komischen etwas inzestuös wirkenden Zwillinge Charles und Camilla, wobei Camilla einfach nur eine grottig geschriebene weibliche Figur ist. Von einer weiblichen Autorin hatte ich mir diesbezüglich mehr erhofft. Mir ist durchaus bewusst, dass die Figuren als morally gray characters angelegt sind und eben diese Tatsache für viele auch den Reiz der Geschichte ausmacht. Bei mir hat das allerdings überhaupt nicht funktioniert. Eigentlich komme ich mit moralisch grauen Figuren immer ganz gut zurecht, Victor Vale aus „Vicious“ fand ich spannend und Kaz Brekker aus „Das Lied der Krähen“ finde ich auch gelungen geschrieben, aber in „The Secret History“ ist das Konzept solcher Figuren bei mir einfach nicht aufgegangen.

…weil ich Dark Academia scheinbar doch nicht mag

„The Secret History“ ist so ziemlich DAS Dark Academia Buch. Und weil ich diese Ästhetik, zumindest auf Pinterest/Instagram-Fotos sehr mag, dachte ich, dass es mir auch in Büchern gefallen würde. Tja, dem ist nicht wirklich so. „Das neunte Haus“ von Leigh Bardugo hat mir ja schon nicht gefallen und eigentlich hätte das ein Hinweis darauf sein müssen, dass auch „The Secret History“ wohl eher nichts für mich ist, aber ich habe die Warnzeichen wohl gekonnt übersehen. Jedenfalls musste ich feststellen, dass es mir einfach zu dunkel und zu böse ist und ich über Wissenschaft nicht so zu dunklen Zwecken missbraucht lesen möchte.

…weil ich das Englisch zu schwer finde

Ich bin eigentlich ziemlich gut in Englisch und lese besonders dieses Jahr auch sehr viel auf Englisch, aber „The Secret History“ hat irgendwie auf Englisch gar nicht funktioniert bei mir. Wobei das vielleicht auch nicht unbedingt an der Sprache lag, die Vokabeln habe ich meistens schon verstanden, aber die Sätze habe ich als relativ komplex empfunden. Das sprachliche Niveau ist hoch bei diesem Buch. Und ich muss leider sagen, dass es mir für ein Buch, das ich in meiner Freizeit lese zu hoch war. Durch die Uni lese ich so viele anspruchsvolle Texte, dass ich in meiner Freizeit lieber Romane lese, die etwas einfacher geschrieben sind. Das heißt nicht, dass ich nicht auch da auf sprachliche Raffinessen stehe, aber es ist dann doch nochmal ein Unterschied zwischen einem clever geschriebenem Buch und einem, das, fast schon krampfhaft versucht, möglichst intellektuell und kompliziert zu klingen. So ein Buch möchte ich in meiner Freizeit einfach nicht so gerne lesen.

…weil es mir zu langatmig ist

Der Punkt ist natürlich wahnsinnig subjektiv, aber ich empfinde den Roman als unglaublich langatmig. Die ersten 100 Seiten passiert kaum etwas, dann wird es kurz spannend, dann wieder gähnend langweilig. Es ist nicht repetitiv oder so, es passiert einfach nur nichts. Jedenfalls nichts, das ich interessant fand oder als für die weitere Handlung wichtig erachte. Vielleicht sind die letzten 100 Seiten, die ich ja jetzt verpassen werde, unglaublich spannend, aber ganz ehrlich, wenn ich den Rest so furchtbar ermüdend fand, werden auch die letzten 100 Seiten das nicht mehr rausreißen können. Können wir bitte außerdem mal darüber reden wie unglaublich lang die einzelnen Kapitel sind? Das Buch hat insgesamt 628 Seiten, unterteilt ist es in einen Prolog, einen Epilog und 8 unglaublich lange Kapitel. 8! Ich glaube, ich habe noch nie einen Roman mit so langen Kapiteln gelesen und ich will es auch bitte nie wieder tun – es ist unglaublich ätzend.

ACHTUNG: im nächsten Abschnitt wird es SPOILER geben

…weil ich Bunny gar nicht so furchtbar fand wie Henry mir weiß machen wollte

Der Kniff von „The Secret History“ ist es ja, dass die Leser*innen Bunny als genauso furchtbar empfinden wie Henry und die anderen es darstellen, sodass der Mord an ihm als moralisch gerechtfertigt erscheint. Dadurch soll die Leserschaft ihre eigenen moralischen Grenzen austesten und hinterfragen. Nur hat das bei mir leider absolut nicht funktioniert. Ich fand es einfach nur furchtbar, wie mit Bunny umgegangen wurde und was seine Freunde (!) mit ihm gemacht haben. Es kann hier natürlich sein, dass ich irgendwas nicht richtig verstanden (oder überlesen) habe, aber hä, wie kann man auf Henrys miese Nummer auch nur annähernd reinfallen? Ich weiß es nicht. Dadurch hat aber eben der ganze Kniff, das Besondere, die Intention hinter „The Secret History“ bei mir überhaupt nicht funktioniert. Letztlich ist es also kein Wunder, dass es mir nicht gefallen hat.

SPOILER ENDE

Das sind also letztlich die Gründe, warum ich „The Secret History“ nicht mehr beenden werde. Es tut mir in der Seele weh ein Buch abzubrechen und ich habe mich auch wirklich lange dagegen gesträubt, aber ich quäle mich jetzt schon seit Anfang Mai (😅) durch dieses Buch und damit muss jetzt einfach Schluss sein. Es hat mir nämlich in den vergangenen Monaten auch erheblich den Spaß am lesen geraubt – auch weil ich, obwohl ich ja auch neue Bücher angefangen und beendet habe, nie das Gefühl hatte, fertig geworden zu sein. Damit ist jetzt aber wie gesagt Schluss!

Habt ihr „The Secret History“ schon gelesen?

xoxo Ruth

"The Secret History"

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