REZENSION: Der Fall Collini von Ferdinand von Schirach

REZENSION: Der Fall Collini von Ferdinand von Schirach

Mir ist neulich aufgefallen, das sich 2019 einfach kein einziges Buch gelesen habe, dass von einem Autor geschrieben wurde. Alle Romane, die ich gelesen habe, waren ausschließlich von Autorinnen. Es sei denn man zählt „Der arme Heinrich“ von Hartmann von Aue, das ich für die Uni gelesen habe, aber das habe ich ja nicht unbedingt freiwillig gelesen, haha. Von 2020 kann ich das auf jeden Fall nicht behaupten, denn ich habe kürzlich „Der Fall Collini“ gelesen. Geschrieben wurde der Roman von Ferdinand von Schirach, offensichtlich einem Mann. Wir mir die Geschichte schließlich gefallen hat, lest ihr in diesem Blogpost. Viel Spaß! PS: ich verlinke euch eine andere Ausgabe, als die, die ich gelesen habe. Die war nämlich ausgeliehen und ich glaube, sie wird nicht mehr in diesem Verlag verlegt!

Infos zum Buch:

Titel: Der Fall Collini I Autor: Ferdinand von Schirach I Genre: Gerichtsthriller I Verlag: btb I Seiten: 208 I Ersterscheinung Deutschland: 13. Februar 2017 I Preis: 10,00€ (Taschenbuch) I ISBN: 978-3-442-71499-5 I Zum Buch I Zur Verfilmung

Darum geht’s:

Was treibt einen Menschen, der sich ein Leben lang nichts hat zuschulden kommen lassen, zu einem Mord?

Vierunddreißig Jahre hat Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann tötet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es aussieht. Ein Albtraum für den jungen Anwalt Caspar Leinen, der die Pflichtverteidigung übernimmt: Das Opfer, ein hoch angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes. Schlimmer noch, Fabrizio Collini schweigt beharrlich zu seinem Motiv. Leinen beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Spur, die ihn mitten hineinführt in ein erschreckendes Kapitel deutscher Justizgeschichte (Klappentext).

„Später würden sich alle daran erinnern, der Etagenkellner, die beiden älteren Damen im Aufzug, das Ehepaar auf dem Flur im vierten Stock. Sie sagten, dass der Mann riesig war, und alle sprachen von dem Geruch: Schweiß.“

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini, S. 7

Handlung:

Ich lese nicht sonderlich schnell. Und ich lese auch oft nicht so richtig viel am Stück. Wenn ich 100 Seiten an einem Tag schaffe, dann ist das Buch entweder verdammt gut oder mir ist ziemlich langweilig. „Der Fall Collini“ habe ich an einem Tag gelesen. Und das obwohl ich die Geschichte schon kannte. Ich habe den Film nämlich letztes Jahr im Kino gesehen. Dem Leser wird hier allerdings so eine spannende und unglaubliche Geschichte geboten, dass man gar nicht anders kann, als die ganze Zeit weiterzulesen. Man ist sofort mitten im Geschehen. Die geringe Seitenanzahl zeigt nicht, dass die Geschichte zu dünn ist, sondern dass sich nicht an unnötigen Details aufgehalten wird. Die Geschichte ist rund, logisch und sehr durchdacht. Außerdem beschäftigt sie sich mit einer Thematik, die auf wahren Hintergründen beruht. Was genau das ist, kann ich nicht erzählen, sonst würde ich massiv Spoilern. Außerdem ist es ziemlich komplex und nicht gerade leicht zu erklären.

„Der Fall Collini“ lässt einen nicht los. Er schüttelt einen durch, lässt einen mit Fragezeichen im Gesicht zurück. Am Ende des Romans fühlt man sich genötigt, unser gesamtes Rechtssystem zu hinterfragen, seine eigenen Moralvorstellungen zu hinterfragen. Was ist richtig, was ist falsch? Was darf man, was darf man nicht? Mich hat die Geschichte schon damals im Kino schwer beeindruckt und das Buch hat das ganze nochmal verstärkt. Wir begleiten den Anwalt Caspar Leinen, wie er versucht das Motiv Collins ans Licht zu bringen. Es geht nicht um das „Wer?“, es geht um das „Warum?“. Dabei erfahren wir nicht nur Dinge aus Leinens Vergangenheit, sondern auch aus der des Opfers und natürlich aus der Collinis. Mit dem Showdown rechnet man nicht. Es ist ein richtiger Plottwists. Man starrt das Buch an und denkt sich, nein, das kann nicht sein. Das geht nicht, nicht hier. Aber doch, es geht.

Figuren:

Im Fokus steht der junge Anwalt Caspar Leinen. Er hat gerade erst seine Kanzlei eröffnet und der Fall Collinis ist sein erster richtiger Fall. Schnell findet er heraus, dass er eine viel persönlichere Bindung zu dem Fall hat, als gedacht. Doch trotzdem behält er den Fall schließlich. Auch wenn man Teile seiner Kindheit und seine etwas komplizierte Beziehung zu Johanna, der Schwester seines besten Freundes, kennenlernt, bleibt der Leser doch relativ distanziert zu der Figur. Zu eigentlich allen Figuren. Man kann die Figuren schwer einschätzen, erfährt kaum etwas über sie. Zu manchen gibt es Hintergrundgeschichten, aber dennoch bleiben viele ein Geheimnis. Das ist aber auch nicht schlimm. Diese Figurendistanz passt unglaublich gut zur Geschichte. Am Ende wird die Figur Collinis ein bisschen klarer, eben genau so, wie es auch zur Auflösung des Falls passt.

Man liest „Der Fall Collini“ nicht wegen den Figuren, sondern wegen der Geschichte. Aber das ist nicht schlimm, sondern passt perfekt zum Buch.

Schreibstil und Erzähler

Der gesamte Roman ist ziemlich nüchtern geschrieben. Auch der Erzähler wart die Distanz. Zur Handlung und zu den Figuren. Aber das mochte ich so, so gerne. Ich bin kein Fan von überemotionalisierten Schreibstilen, kurze prägnante Sätze können mich viel eher überzeugen, als stundenlanges „Geschwafel“. Ich weiß, manche mögen das nicht, aber mir hat es total gut gefallen. Und es passt eben zur Geschichte. Man soll das ganze nüchtern und neutral betrachten, nicht zu sehr mit den Figuren mitfühlen. Am Ende braucht man seinen Verstand, nicht seine Gefühle. Handwerklich konnte mich „Der Fall Collini“ ebenfalls absolut von sich überzeugen!

Fazit

Ferdinand von Schirachs Roman „Der Fall Collini“ hat mir wahnsinnig gut gefallen. Obwohl ich die Geschichte schon kannte, hat sie mich gefesselt und mich das gesamte Buch an einem Tag verschlingen lassen. Der Schreibstil war grandios und insgesamt passte hier einfach alles zusammen. Ich mochte das Neutrale, das Nüchterne. Am Ende ist man sprachlos und hinterfragt alles möglich, in das man eigentlich immer ohne jeglichen Zweifel geglaubt hat. Der Roman ist schockierend und wahr. Ich habe ihn sehr genossen und gebe daher fünf von fünf Sternen. „Der Fall Collini“ ist ein Lieblingsbuch!

Habt ihr „Der Fall Collini“ schon gelesen? Oder den Film gesehen?

xoxo Ruth



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